VogelFrey in den nächsten Lebensabschnitt

Das Wichtigste in Kürze
- Othmar Frey prägte Baggenstos während fast 15 Jahren als CSO und trieb die Transformation zum Microsoft-Cloud-Spezialisten entscheidend voran.
- Aus dem klassischen Infrastrukturgeschäft entstand ein moderner Managed Service Provider mit wiederkehrenden Cloud- und Service-Erträgen.
- Für Frey bleiben Vertrauen, Kompetenz und die enge Kundenbegleitung die wichtigsten Erfolgsfaktoren von Baggenstos.
- KI und Copilot-Agenten werden Routineaufgaben übernehmen, während der Mensch im Kundenkontakt weiterhin im Zentrum steht.
- Im Ruhestand engagiert sich Frey verstärkt für BienenSchweiz, Digitalisierung sowie Forschung und Ausbildung rund um die Bienengesundheit.
Ende Juli 2026 ist tatsächlich Schluss: IP-Telefonie-Pionier Othmar Frey hat Baggenstos während fast 15 Jahren als CSO geprägt. Nun tritt er mit 62 Jahren in den Ruhestand. Der passionierte Imker wird jedoch nicht untätig bleiben. Sein Rückblick auf 15 Jahre Baggenstos und die Zukunft der Cloud.
Dein Abschiedsfest mit Baggenstos-Mitarbeitenden und ehemaligen Kolleginnen und Kollegen all deiner Arbeitsstationen hat dich sehr berührt.
Othmar Frey: Ja, es waren alle da, die mich und meine Karriere in der Arbeitswelt geprägt haben. Angefangen mit meinen Kolleginnen und Kollegen bei der Siemens und später das fast vollzählige Webcall-Team aus den 90er-Jahren …
… dein IP-Telefonie-Start-up …
… bis zu vielen ehemaligen und aktuellen Baggi-Kolleginnen und Kollegen. Sie haben mich gefordert und gemeinsam haben wir viele Erfolge erzielt. Dafür danke ich allen von Herzen. Für die Zusammenarbeit, die entstandenen Freundschaften, die verrückten Projekte und die vielen gemeinsamen Geschichten und Erlebnisse.
Du bist 2012 zu Baggenstos gestossen – wie war die Firma damals?
Als ich begann, bolzte Baggenstos einmalige Hardware- und Software-Umsätze, installierte Server-Infrastrukturen und Client-Management – alles on-premise. Als Service hatten wir die Hardware-Care-Verträge. Gemeinsam bauten wir die Firma zur Microsoft-Technologie-Boutique um und transformierten unsere grosse Kundenbasis in die Microsoft Azure Cloud – zuerst hiess es Bipos – dann Office 365 und heute Microsoft 365 sowie Microsoft Azure. Heute ist das grösste Volumen Managed-Services-Dienstleistungen, Service- und Software-Lizenzen sowie Azure-Consumption – also wiederkehrende Erträge. Der andere Teil sind Projektdienstleistungen für Transformationsprojekte und Grosskunden, die von unserer Microsoft-Expertise profitieren wollen.
Was hat dich an Baggenstos gereizt?
Die Gestaltung der Neuausrichtung zu einem Managed Service Provider sowie die konsequente Ausrichtung auf die Microsoft-Technologien, -Lösungen und -Services.
Dein Abschied von der grossen Swisscom war sicher nicht einfach?
Bei meinem Bauchentscheid rumorte es, weil niemand verstand, wieso ich die Karriere-Möglichkeiten bei der Swisscom nicht nutzen wollte. Es ging zunehmend um interne Themen und mein Kundenfokus stand immer mehr im Hintergrund. Aber ich habe dort gelernt, wie mit Managed Services Geld zu verdienen ist – mit «Minütelä». Als dann Baggenstos mit dem Kauf von Netcom meinen Büronachbar Michael Kistler übernahm, der später CEO wurde, war’s geschehen: So wurde ich zu einem Wochenend-Workshop von Thomas Baggenstos und Michi am Aegeri-See eingeladen. Voller Tatendrang schmiedeten wir den neuen Setup von Baggenstos/Netcom für die Zukunft. Baggenstos – ein Familienunternehmen mit Substanz und vielen erfolgsversprechenden Möglichkeiten.
Die Cloud hat dich schon früher fasziniert.
Klar, ich gründete 1998 Webcall, die später von Swisscom übernommen wurde. Ich war nie Fan davon, Hardware selbst zu betreiben. Mich interessierten schon immer nur Applikationen und Prozesse, die den Kunden echte Mehrwerte bieten. Serverwartung gehörte nicht dazu.
Aber telefonieren mit Outlook!
(schmunzelt) Ja, das war der Wendepunkt. Wir schafften mit Webcall das Tischtelefon ab, indem wir die Internettelefonie in Microsoft Outlook integrierten. Wir implementierten bei den Kunden e-phone, das damalige Produkt von media-streams. Das hat mich zum Fan von Microsoft gemacht. Die Anfänge der Internet-Telefonie waren aber nicht einfach. Damals hielten viele VoIP oder die Internettelefonie für unmöglich oder Spielerei. Es war die Zeit der Internet-Etablierung im Geschäftsumfeld. In jeder Kunden-Präsentation mit der obligaten Live-Demo kam dieselbe Frage: «Hörst du mich?» Und meistens war die Antwort: «Ja, aber …».
Bei deinem Wechsel zu Baggenstos erschien gerade Windows 8 auf dem Markt. Erinnerst du dich?
Stimmt. Mit neuer Kacheloberfläche. Seither hat sich viel getan. Windows ist immer noch der führende Desktop und entwickelt sich mit starker Cloud- und KI-Integration gerade wieder weiter.
Nun trittst du in den Ruhestand.
(lacht) Ja, das einzige, was sich wirklich regeln lässt, ist der frühzeitige Ruhestand. Das sage ich mit meinem Elektrotechnik-Studium in Regelungstechnik – Informatik gab es damals noch nicht. Bei Siemens in Zürich schrieb ich Software, die bereits KI enthielt und mit der wir Firmengebäude energieoptimierten.
Du bist ein Pionier!
(lacht). Nun, es lag auf der Hand. Cloud, IP-Telefonie, keine Hardware mehr. Mehr Business für die Kunden anstatt IT-Betrieb. Wir waren auch mit Baggenstos eine der ersten Firmen, die auf Microsofts Cloudtechnologie setzten.
Du hast es vorhergesehen: Dieser Tage sind die letzten Housing-Kunden ausgeräumt worden.
Ja. Es war ein langer erfolgreicher Weg.
Nun scheint es einen Backlash zu geben!
Nein, die Vorteile der Cloud sind zu stark: Keine Infrastruktur mehr vor Ort, planbare Kosten und eine Cybersicherheit, die man sich alleine nie leisten könnte. Aber ja, es gibt Diskussionen rund um Abhängigkeiten. Mit Azure Local hat Microsoft auch hier eine Lösung parat. Damit bleiben sensible Daten immer vor Ort.
Was war der wichtigste Erfolgsfaktor für den Erfolg von Baggenstos?
Die Menschen. Es braucht Vertrauen, wenn man seine Infrastruktur in die Cloud verlagert. Und einen kompetenten Partner, der Cloud-Lösung und Business eng miteinander verzahnen kann. Dieses Vertrauen war von Anfang an da. Das ist ein wesentliches Verdienst der Mitarbeitenden von Baggenstos, die Kunden über Jahre eng begleiten. Ich bedanke mich für diese Kompetenz!
Das kann doch auch die KI: Was sagst du als Pionier zur neuen agentischen Zeit!
Wir werden die Vorteile geniessen, dass uns die Copilot-Agenten Routinearbeiten abnehmen. Das macht uns besser im Kontakt mit den Kundinnen und Kunden. Das stärkt die Verbindung und das Vertrauen – auch in Zukunft unabdingbar für grossartige Geschäfte. Aber ja, alles verändert sich, nichts steht still. Ich meine, den Menschen im Zentrum wird es immer brauchen.
Soll man heute noch Informatik studieren?
Unbedingt. Aber die Zukunft liegt vor allem in der Wirtschaftsinformatik mit Schwerpunkt Business Process Management und AI. Es braucht ein grosses Verständnis für Geschäftsprozesse, Datenmodelle und wie diese IT-gestützt vereinfacht oder automatisiert werden können. Die Technologie selbst ist keine Barriere mehr.
Was verändert sich für dich nach deiner Pensionierung?
Ich werde vogelFrey sein. Ernsthaft: Ich kümmere mich noch stärker um die faszinierenden Bienen. Seit zwei Jahren bin ich im Zentralvorstand von BienenSchweiz, wir setzen uns für die Anliegen aller Bienen, Wild- und Honigbienen ein, gut ausgebildete Imkerinnen und Imker sowie für mehr Bewusstsein und Wissen in der Bevölkerung über die Anliegen der Bienen. In meiner Rolle treibe ich die Digitalisierung voran. In der Cloud ist der Verband schon längst. Wir erneuern gerade die Verbandssoftware, das ERP und auch die KI-Nutzung wird weiterentwickelt.
Wie gut geht es den Bienen in der Schweiz?
Gut wäre eine Übertreibung. Die Umweltbedingungen sowie die Zunahme von Parasiten und der Verlust von Lebensräumen und Nahrungsquellen setzen den Bienen zu. Auch die klimatischen Veränderungen stellen uns vor Herausforderungen. In diesem Umfeld braucht es viel Forschungarbeit und Ausbildung. Ich freue mich darum auf meine neue Tätigkeit als VR des Kompetenzzentrums apiservice, das sich mit der Bienengesundheit und mit entsprechenden Forschungsprojekten beschäftigt.
Und ausserhalb der Bienenstöcke?
Da werde ich mein Fachwissen in Kursen und der Ausbildung weitergeben, zudem bin ich als Präsident der Rechnungsprüfungskommission in meiner Gemeinde engagiert.
Worauf freust du dich am meisten?
Darauf, vogelfrey bestimmen zu können, was ich mache – und die fremdgesteuerten Dinge hinter mir zu lassen. Meine ¨alte¨ Rolle übergebe ich nach einer längeren Übergangsfrist per Ende Juli an Ivo Gonzenbach. Ich wünsche ihm dieselbe Freude und Erfolgserlebnisse, die ich gehabt habe.
Zum Gesprächspartner Othmar Frey
Othmar Frey, 62, geht frühzeitig in den Ruhestand, um sich seinen Herzensprojekten zu widmen. Dazu zählen die Gesundheit der Bienen und die Behördentätigkeit. Als Chief Sales Officer (CSO) verantwortete er ab 2012 den Verkauf, den Sales-Support und später noch das Marketing. Sein Studium schloss er in der Elektrotechnik mit Ausrichtung auf Regelungstechnik ab und ergänze dieses mit Betriebswirtschaft.
Interview: Bruno Habegger
Dankes-Abschiedstour mit Erinnerungen, Gesprächen und einer besonderen Fahrt












